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MEIN GELIEBTER RUSSISCHER „VATER“ BORIS

Boris wohnt in Tapiau, unweit von Königsberg entfernt. Sein Haus, ein altes geschundenes deutsches Gemäuer steht in der Ernst-Thälmann-Straße 24, Quartier 1a.

Ich liebe Boris, seit ich Ihm 1968 in Frauenstein begegnete.

Weshalb war Boris, ein mir unbekannter Russe in Frauenstein?
Russische Streitkräfte belagerten 1968 u.a. das gesamte grenznahe Erzgebirge, so auch Frauenstein. Eine politische Krise im angrenzenden Nachbarstaat CSSR reflektierte sein Aufbegehren auch in die DDR. Sehr gefährlich!!!
Aufstand und Aufbegehren gegen staatliche Willkür und Unterdrückung? Wir als friedliche sozialistische „Machthaber“ unterdrücken doch Niemanden! Wer aber gegen uns aufbegehrt, unsere guten Absichten ignoriert, seinen Mund öffnet, nach Veränderungen schreit ,,,,,,, jaaaaaaaaaaaa ,,, das ist unser Feind und der muss ganz entschieden vernichtet werden --- so einfach ist das!!!
Nein, das wissen wir zu verhindern, weil, wir haben die Macht und thronen allmächtig über euch. Wir sind das Gesetz!
Es kamen die Abgesandten eines beinahe gesamten Warschauer Paktes / unzählige Streitkräfte rückten an, zerschlugen am 21.August 1968 den Freiheitswillen der Tschechen.

Ich war damals 12 Jahre jung, meine Erinnerungen an diese Zeit sind wie eingebrannt.

Ganz Frauenstein duftete in diesem besagten Jahr, wochenlang lang nach frisch gebackenem Brot. Ein russisches Versorgungs- und Sanitätscamp befand sich auf dem Feld in Richtung Freiberg — auf der linken Straßenseite. Dort wurde im großen Stil russisches Brot gebacken.

Unser Wohnhaus lag nur 3 Minuten Fußweg von dem Lager entfernt. Ich war fast jeden Tag bei den freundlichen russischen Soldaten. Ich empfand es als Kind immer sehr aufregend und spannend. Die Soldaten empfingen mich immer herzlich. Mit Freude sammelte ich Ihre Abzeichen, versorgte Ihnen auf Anfrage alles Mögliche, wie z.B. Schnaps und Strumpfhosen für Ihre Frauen, die zurückgeblieben, auf Ihre weit entfernten Ehemänner warteten. Immer in der Hoffnung sie gesund in Ihrer Heimat wieder zu sehen.

Irgendwann stieß ich auf Boris. Was für ein liebevoller Mensch. Er kümmerte sich um mich, als sei ich sein leiblicher Sohn. Es gäbe viel darüber zu berichten, aber ich muss es kurz zusammenfassen.

Eine besondere, ausschlaggebende Episode unserer tiefen Freundschaft resultierte aus einer einzigen Nacht ,ich glaube es war Ende September / Anfang Oktober.

Meine Mutter hatte generell nichts gegen meine Besuche bei den Russen. Sie bestand als Mutter darauf, dass ich pünktlich zu Hause zum Abendessen erscheine.
Hardy kam wie so oft, nicht pünktlich! Die Türe war verschlossen, ich klopfte an unser Stubenfenster. ........ „Hallo Mutti, ich bin wieder da“ ............... Mutti schaute mich hinter Ihrem geschlossenem Fenster an und schrie............ „Du Rotzjunge, mach Dich dorthin, wo du herkommst“ ......... Na, das war ja eine Aufforderung für mich. Mutters Ansage interpretierte ich in eine — nein ,,, die Gelegenheit ........ und machte mich sofort aus dem Staub.
Im Nachhinein, Mutti meinte es nicht so drastisch, sie ging 5 Minuten später zur Haustür und wollte mir Einlass gewähren.
Niemand stand vor Ihrer Tür???
Wo ist der Bengel???

Ich verbrachte meine erste Nacht wie ein herrenloser Hund. In einem Mannschaftszelt, auf einer Schlafpritzsche die eigentlich Boris zustand, durfte ich es mir gemütlich machen. Boris deckte mich mit seiner Decke zu, heizte den Kanonenofen und bewachte mich die gesamte Nacht.
Er saß neben mir, bis zum Sonnenaufgang.

Wie Muttis Empfang am nächsten Tag verlief? Ich meine, es gab keinen großartigen Ärger. Hardy ist Hardy, sie war glücklich als ich unbeschadet nach Hause kam.

Ab diesem Zeitpunkt war es keine Freundschaft, es war eher eine Liebesbeziehung Vater / Sohn.

Boris besuchte uns einmal zu Muttis Karpfenessen.

Götter habt DANK ... wir tauschten unsere Adressen aus.

Denn es folgten sehr traurige Zeiten für klein Hardy.

Ende Oktober oder war es November? Ich kam aus der Schule und wollte zu meinem lieben Boris eilen. Schularbeiten? Scheiß drauf — ich muss zu Ihm!!! Dann ..............
Hardy in Schockstarre .............
Das gesamte Armeelager war weg — so, als hätte ich alles nur geträumt.

Boris wo bist du?
Ich lief das gesamte Feld ab, Boris ist weg ...... alles ist verschwunden.

Mir kamen die Tränen und ich weinte bitterlich ,,, tagelang. Auch jetzt, wenn ich diese Episode für euch niederschreibe, kommen Erinnerungen in mir hoch, als wäre es gerade eben passiert. Ich muss wieder meine Tränen unterdrücken.

Boris und ich verloren nie den Kontakt. Mit Briefen und Paketen schweißte sich unsere Freundschaft immer fester zusammen.

Dank der Wende 1989, konnten wir uns besuchen und in die Arme schließen. Wir fuhren das erste Mal zu Ihm, in dem Jahr, als Prinzessin Diana verunglückte. Die gesamten Ereignisse Prinzessin Diana sahen wir über Russlands Nachrichtensender.

Wie geht es Boris mit seinen jetzigen 72 Jahren?
Es geht ihm nicht gut! Es geht ihm dreckig. Seine Frau Katja verstarb vor einigen Jahren. Sein Sohn Juri verstarb ebenfalls ein paar Jahre nach Katjas Tod. Boris leidet unter Diabetes, sein Bein wurde amputiert. Er bekommt trotz seiner langjährigen Armeezeit in Funktion als med. Laborant / Sani — nur eine Hungerabfindung von Pension. Zu wenig zum Leben und Sterben.

Ich sendete ihm deshalb hin und wieder etwas von meinem ersparten Geld. Ein Freund aus Berlin überbrachte es ihm.

Ende August 2015 wollte ich Boris besuchen, ihm unter die Arme greifen, etwas Gutes für meinen Freund tun. Es kam anders. Mir riss kurz vor meiner Rückkehr nach Deutschland die Achillessehne, musste in Bangkok ins Bumrungrad Hospital.
Dank meiner ADAC Versicherung wurden die Kosten für OP (ca. 8500.00 US $) vom ADAC getragen.
Ich konnte aus diesem Grund nicht nach Deutschland zurückkehren, mein organisiertes Reisevisum zu Boris war für die Katz. Meinem Anliegen, das teure russische Visum auf Grund meines Sonderfalles, kostenfrei und unkompliziert zu verlängern oder zu tauschen wurde von der russischen Visastelle in Leipzig abgelehnt. Vielen Dank an euch. Ich vergesse euch ganz bestimmt nicht.

Wie überlebt Boris mit ca. 50,00 € Pension im Monat? Ich bin mir nicht sicher ob es jetzt mehr Euro sind oder weniger. Ist ja auch eigentlich irrelevant. Boris hat einen Garten. Den liebt er sehr.
Er pflanzt Diverses an, kocht es ein und lagert es im Keller für den Winter. Genau soooooooooooo, wie unsere deutschen Großeltern es aus der Notlage heraus, nach dem 2. Weltkrieg tun mussten.
Ich hoffe Boris geht es jetzt gut.
Ich erreiche ihn via Telefon nicht mehr.

Das war kurz abgerissen mein Erleben, mit einem liebenswerten Menschen, meinem russischem Vater Boris.

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